Fighting & Talking

Fighting & Talking

Alles begann im Internet. Die Kurzform: Ein DEL-Team twittert, ein Journalist kommentiert, ein DEL-Spieler antwortet und schon geht es rund. Etwas genauer: Die Iserlohn Roosters hatten Hubert Labrie nach einem Fight im Spiel gegen die Düsseldorfer EG gefeiert. Bernd Schwickerath gefiel das gar nicht, er brachte das mit dem Tod des NHL-Spielers Jimmy Hayes in Verbindung, bei dem Schmerzmittel und Kokain im Blut gefunden wurden.

Daraufhin schaltete sich Cody Lampl ein, herauskam eine Diskussion über Faustkämpfe und Schmerzmittel und mentale Gesundheit im Eishockey. Und da dachten wir uns: Das kann man doch mal ausführlicher machen.

Also haben wir die beiden eingeladen und sie reden lassen.

Wir sitzen hier heute, weil ihr beiden euch ein Twitter-Battle geliefert habt. Erzähl doch erst mal aus deiner Sicht, wie es dazu kam, Bernd. Was hat dich am dem Tweet der Roosters so gestört?

Bernd Schwickerath: Na ja, der Tweet hat nicht einfach erwähnt, dass es einen Fight gab, ein offizieller Klubaccount hat seinen Spieler für einen Faustkampf gefeiert und dazu geschrieben, dass sich der Gegner die – Zitat – „verdiente Tracht Prügel“ abgeholt hätte. Wer Prügel bekommt, kann sich aber ernsthaft verletzten, im Eishockey nehmen viele Spieler bei Verletzungen Schmerzmittel, und wir wissen, was passieren kann, wenn man sie oft und regelmäßig nimmt. Und dann kam der Tweet an genau dem Tag, an dem bekannt wurde, dass auch Jimmy Hayes abhängig von Schmerzmitteln war und diese etwas mit seinem Tod zu tun haben. An so einem Tag Gewalt im Eishockey zu feiern, war für mich einfach zu viel, also habe ich es kritisiert.

Und dann kamst du, Cody …

Cody Lampl: Ich kannte Bernds grundsätzliche Meinung zu Fights nicht, und mein Anliegen war es auch nicht, Fights zu verteidigen. Mir ging es in meiner Antwort darum, dass der Grund für Jimmys Tod nichts mit Fights zu tun hatte, und natürlich nichts damit, dass Iserlohn auf Twitter Entertainment macht. Mir ging es um die grundsätzliche Frage, wie es so weit kommen konnte mit dem Opioid-Missbrauch, da geht es um mehr als Fights, da geht es um gesellschaftliche Probleme, um Druck und mentale Gesundheit, erst recht bei einem Spieler, der selbst kaum Fights hatte. Ich habe einfach keine Verbindung zwischen Jimmy und Iserlohns Tweet gesehen.

Um was geht es dir dann, Cody?

Cody: Um größere Zusammenhänge. Die Regeln für Fights zu ändern, hat keinen direkten Einfluss auf den Missbrauch von Schmerzmitteln, es ist auch eine gesellschaftliche Sache. In deutschen Kabinen passiert da gar nicht so viel, weil es hier viel schwieriger ist, ohne Rezept an Schmerzmittel zu kommen. In Nordamerika ist der Zugang zu allen möglichen Medikamenten dagegen lächerlich einfach. Der Aufwand, um stärkere Schmerzmittel in Deutschland zu bekommen, ist zehn Mal höher, als in den USA für ein viel härteres Mittel.

Bernd: Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Du findest gut, dass es hier schwieriger ist?

Cody: 100 Prozent. Und deshalb will ich ja zwischen der Situation in der DEL und dem Profisport in Nordamerika unterscheiden. Ich denke, dass der einfache Zugang zu Medikamenten in den USA ein Grund für die Opioid-Krise ist. Es sind auch eher die Typen mit den Rückenproblemen, mit der Knöchelverletzung, mit den Schmerzen am Fuß von einem geblockten Schuss, die etwas nehmen. Die Blessuren sind nicht schlimm genug, um nicht zu spielen, aber schlimm genug, um sich nicht gut zu fühlen. Mir ist es deswegen zu einfach, zu sagen: Nimm Kämpfe aus dem Spiel und alles ist supersicher. Das Schüsseblocken, das Tempo des Spiels, der Fakt, dass wir jetzt vier Spiele mehr haben, die Gefahr, seinen Job zu verlieren, wenn man zu lange fehlt – all diese Faktoren für Schmerzmittelmissbrauch werden meist übersehen.

Bernd: Da kann ich dir nur recht geben. Ich würde niemals sagen: Nimm Kämpfe raus und alles ist gut. Aber letztlich ist es ja egal, warum sich jemand verletzt, das Ergebnis ist dasselbe. Und dann kann man in diesen Kreislauf Verletzung-Schmerzmittel-Abhängigkeit kommen. Da sehe ich die Verbindung zwischen Iserlohns Tweet und Hayes. Und grundsätzlich: Eishockey ist ein gefährlicher Sport, die Checks, das Tempo, der harte Puck, es wird auf dem Eis niemals sicher sein. Aber warum wird dann eine weitere Gefahr dazugenommen, die ja eigentlich gar nichts mit dem Spiel zu tun hat? Eishockey ohne Fights funktioniert doch genauso und ist zumindest etwas sicherer.

Cody: Da widerspreche ich dir nicht – wenn wir nur von außen drauf schauen. Aber ich weiß, wenn wir in der Kabine sitzen und im anderen Team ist ein tougher Typ, dann merkst du das. Es gibt Spieler, die agieren anders, wenn der Gegner so einen im Line-up hat. Sie checken weniger, machen weniger Stockschläge, schauen mehr über die Schulter, schränken sich selbst ein. Ein tougher Typ kann auf dem Eis dafür sorgen, dass Sachen eben auch nicht passieren.

Bernd: Ich verstehe natürlich die Dynamiken des Spiels. Sicher nicht so gut wie du, aber mir ist schon bewusst, dass gewisse Spieler andere einschüchtern, die dann anders spielen. Aber was ich mich immer frage: Eishockey ist doch nicht der einzige Kontaktsport, in dem das eine Rolle spielt? Auch im Football geht es um Einschüchterung, im Fußball gibt es harte Zweikämpfe und Fouls, oder was ist mit Rugby? Warum ist Eishockey trotzdem der einzige Sport, in dem es nötig sein soll, sich mit den blanken Fäusten ins Gesicht zu schlagen?

Cody: Du hast völlig recht. Ich selbst war nie ein klassischer Fighter. 95 Prozent meiner Fights entstehen nach einem Check von mir, weil der dem Gegner nicht gefallen hat. Ich würde mir einfach wünschen, dass Eishockey immer wie in den Playoffs gespielt werden sollte. Keine abgemachten Fights, die keinen Sinn haben außer Entertainment für die Fans, stattdessen gute Checks und Physis. Aber in der Hauptrunde, vor allem in der NHL, ist die Härte fast komplett raus aus dem Spiel. Und wenn dann doch mal etwas passiert, ist es direkt ein großes Thema, weil es etwas Außergewöhnliches ist. Dann heißt es direkt: Den Typen schnappen wir uns.

Bernd: Mit Playoff-Hockey kann ich absolut leben. Ähnlich wie bei entscheidenden Spielen bei Olympia, auch da gibt es keine Fights. Oder schauen wir auf ein WM-Halbfinale, auch das kann intensiv und physisch sein, aber es gibt keine Fights. Und ich vermisse sie nicht. Allerdings weiß ich auch nicht, wie man dahinkommen sollte. Die einfachste Lösung wäre wahrscheinlich: härtere Strafen. Wenn man für einen Fight drei Monate gesperrt werden würde, wäre Fighting ganz schnell kein Thema mehr im Eishockey, weil natürlich keiner drei Monate zu Hause sitzen will. Aber glaubst du, das Spiel würde sich ohne Fights wirklich verändern? Das ist das Argument, was man immer hört: Man brauche die theoretische Möglichkeit von Kämpfen, um dreckige Checks zu verhindern. Mein Gegenargument ist dann immer: In der härtesten NHL-Phase in den 70ern und 80ern oder später in der Hochphase der Rivalität zwischen Colorado und Detroit gab es ohne Ende dreckige Checks und ohne Ende Fights. Was also heißt: Das eine hat das andere nicht verhindert.

NHL-Chef Gary Bettman hat dennoch gesagt, Fighting wäre ein Thermostat für das Spiel, das Verletzungen auch verhindern könne …

Cody: Um zu wissen, ob es wirklich sicherer oder gefährlicher ist, dafür müsste man die Fights für ein Jahr aus dem Spiel nehmen und schauen, was passiert. In der DEL gab es letzte Saison keine Fights. Gab es deswegen weniger Verletzungen? Wurden weniger Medikamente von den Teamärzten verschrieben? Welchen Einfluss haben Regeländerungen? Gibt es da Statistiken drüber? Das wüsste ich gern. Waren es wirklich weniger Verletzungen, dann können wir über die nächsten Schritte reden. Aber stattdessen ist die DEL nun den anderen Weg gegangen, jetzt gibt es weniger Strafen für Fights als vor Corona. Man bekommt nur fünf Minuten, früher waren es immer 2+2+10. Also noch mal: Gibt es Statistiken? Gibt es Studien? So lange das nicht passiert, kann keine Seite sagen, dass sie richtig oder falsch liegt. Ich glaube, Fighting ist auch etwas Präventives, vor allem, weil es so selten passiert. Aber wenn jemand frustriert ist, weil sein Team kurz vor Schluss mit zwei Toren zurückliegt und startet einen Fight, verhindert das natürlich keine Verletzungen. Und wenn ein Team das dann auf Twitter feiert, tut es das, um Tickets zu verkaufen. Hilft das wirklich dabei? Keine Ahnung.

Schauen wir auf Enforcer wie Derek Boogaard, die heute nicht mehr leben, weil sie durch Fights oder harte Checks gegen den Kopf Langzeitschäden erlitten haben. Solche Spieler haben vielleicht fünf Minuten gespielt und hatten in der Zeit zwei Fights. Einige Fans sind aber deswegen in die Halle gekommen, weil sie wussten, dass Probert, Boogaard oder Brashear da sind und kämpfen werden. Und wenn sie das taten, hat die Halle gefeiert.

Cody: Ja, aber als diese Jungs in ihren besten Jahren waren, war das Marketing der NHL auf dem Tiefpunkt, die haben nichts verkauft bekommen. Wenn die Marketingabteilung solche Spieler und solche Aktionen promotet, macht sie keinen guten Job. Damals lief Eishockey nicht auf ESPN, in Florida oder Arizona waren die Hallen leer. Und bis heute hinkt die NHL den anderen Sportarten wie Baseball, Basketball und Football hinterher. Ich würde also nicht sagen, dass das ein Argument für Fighting war. Aber: Spieler, die beides können, hart spielen und mit dem Puck umgehen, die sind nach wie vor wichtig. Wenn ich in der DEL an jemandem wie Spencer Mahacek denke: knallhart, geht nichts aus dem Weg, aber immer ehrlich und mit viel Skill. Das sind Spieler, von denen Trikots verkauft werden sollten. Nicht, dass ich das den anderen nicht gönne. Aber wenn ich spiele, habe ich keine Angst vor dem Tough Guy, der nur vier Minuten spielt. Ich mache mir Sorgen wegen eines Darren Archibald im Forecheck, der kann dich checken. Nicht der, der zu mir sagt: Wanna go? Da kann ich sagen: Vielleicht, vielleicht nicht.

Bernd: Von außen kommt es einem vor, als ginge es im Eishockey immer nur darum, besonders tough zu wirken, keine Schwäche zu zeigen, ob körperlich oder mental. In den vergangenen Jahren gab es aber Spieler wie Robin Lehner oder zuletzt Carey Price, die von ihren Problemen erzählten. Hat das etwas geändert? Wird mittlerweile offen in der Kabine über Druck oder Ängste, verletzt oder getradet zu werden, gesprochen?

Cody: Ich sage nicht, dass manche Spieler mentale Probleme als Ausrede benutzen. Aber ich sage auch nicht, dass es wirklich so ein großes Thema ist. Was ich meine: Wenn du gut spielst, bist du happy. Wenn du nicht gut spielst, fühlst du dich schlecht. Dann fehlt das Selbstvertrauen, alles wirkt schwer. Nicht jeder, der mal schlecht gelaunt ist, hat mentale Probleme. Anders ist es, wenn du einen Typen erlebst, der depressiv ist, obwohl er gut spielt. Dann können wir über mentale Probleme sprechen. Wenn sich jemand nie wohlfühlt.

Bernd: Und gehst du dann zu ihm rüber und bietest ihm Hilfe an?

Cody: Das Problem ist, dass man es meistens nicht merkt. Ich war nie in einer Kabine, in der jemand offen gesagt hat: Ich bin in einer ganz schlechten Verfassung. So etwas siehst du nicht. Vielleicht merkst du bei einem, dass er vorher immer gut gelaunt war und dann nicht mehr so. Aber so jemand bekommt dann auch schnell den Stempel, kein guter Mitspieler zu sein, weil den anderen seine Körpersprache nicht gefällt.

Bernd: Wie sieht das mit anderen Sachen wie Schmerzmitteln aus?

Cody: Nein, wer ist schon stolz auf so etwas? Es ist nicht so, dass wir uns in der Kabine gegenseitig erzählen, wer die größte Verletzung hat und trotzdem spielt. „Hey, ich habe das und das und nehme das und das, um meinen Streak am Leben zu halten, ich bin härter als jeder hier“. So läuft das nicht. Du kannst wirklich keine Ahnung haben, was die anderen machen. Ich würde sagen, ich kann nur für die vier Typen reden, die direkt neben mir sitzen. Abgesehen von denen, weiß ich es nicht. Es wird nicht darüber gesprochen. Zumindest nicht, bis es wirklich Einfluss auf die Leistung hat. Manche reden ja nicht mal mit ihrer Familie über solche Themen.

Zum Abschluss noch zwei kontroverse Thesen, zu denen wir eure Meinung hören wollen. Die erste: Das Fighting im Eishockey sorgt für mehr Fans und damit höhere Einnahmen.

Cody: Auch da geht es wieder um Transparenz. Zeigt uns die Einnahmen in Jahren mit vielen und mit wenigen Fights. Dann können wir vergleichen. Und gibt es Umfragen, wer Fan ist, weil er Fights mag? Gibt es so etwas in Deutschland überhaupt? In den USA kann man das vielleicht sagen. Aber in den Playoffs, wenn alle Hallen ausverkauft sind, gibt es kaum Schlägereien. Oder schauen wir auf die Familie, die zu einem Jugendspiel geht und sich in Eishockey verliebt, ist Fighting dann wirklich der Grund dafür? Ich glaube, es ist eher das Gesamterlebnis Eishockey. Aber beweisen kann ich das nicht. Also kann man nicht beweisen, dass Fighting für mehr Fans und Einnahmen sorgt.

Bernd: Sehe ich ähnlich. Mit Zahlen untermauern kann ich es auch nicht, aber wenn ich mich umsehe, gibt es mehr Kinder, die Connor McDavid sein wollen als Derek Boogaard.

Und die zweite These: Ist Fighting ein schlechtes Beispiel für Kinder?

Cody: Meiner Meinung nach ist das vor allem ein schlechtes Beispiel für Erwachsene. Habt ihr schon mal Hobbyteams in den USA gesehen? Da sind Typen, die kommen gerade von der Arbeit und denken plötzlich, sie würden in der NHL spielen und die dortigen Regeln würden gelten. Bei der Jugend sieht man hingehen kaum Fights. In den Hobbyligen ist das viel schlimmer, da fühlen sich manche als Tough Guys. Aber auch da weiß ich nicht, welche Folgen die Kämpfe haben. Auf Twitter wird das diskutiert. Aber ist Twitter das wahre Leben? Eher nicht. Deswegen haben wir ja heute richtig geredet.


Dieses Interview wurde zuerst in DUMP & CHASE 13 veröffentlicht.

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